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Geschrieben von: Malin

Ein typischer Tag in einer chinesischen Grundschule

[Glücklicherweise funktioniert Sharens auch in China! :) Deswegen ist hier ein etwas längerer Bericht von mir, obwohl ich mein Diakonisches Praktikum eigentlich nicht in der Grundschule, sondern in einem Kindergarten mache.]

 

Nachdem der Jetlag endlich überwunden war und ich nicht mehr um 4 Uhr morgens, wenn es schon hell ist, aufgewacht bin und nicht schlafen konnte, weil mein Körper dachte, es sei erst 22 Uhr, habe ich mich doch langsam aber sicher an die neue Zeitzone und den Tagesrhythmus hier in Peking gewöhnt und mich gut eingelebt.

 

Letzte Woche Montag musste ich dann erst einmal in ein Krankenhaus gehen um eine Gesundheitsuntersuchung zu machen, da es von dem Kindergarten, in dem ich zur Zeit mein Diakonisches Praktikum mache, verlangt wurde.

Weil die Ergebnisse erst in 3 Tagen fertig wurden, durfte ich bis dahin noch nicht mit meinem Praktikum beginnen. Am darauffolgenden Tag wurde mir aber stattdessen ein großer Wunsch, den ich schon ziemlich lange hatte, erfüllt.

 

[Eine meiner Großcousinen oder vielleicht auch Tanten 2. Grades, um genau zu sein die älteste Cousine der väterlichen Seite von meinem Vater, welche die Tochter des jüngeren Bruders meines Opa ist, arbeitet in einer Grundschule in Peking als Englischlehrerin. Wie ihr selbst seht ist die Bezeichnung Tante oder Cousine nicht sehr genau. Man könnte es noch viel detaillierter erklären. Im Chinesischen gibt es für fast alle Verwandtschaftsbeziehungen differenzierte Begriffe. So wird die eigene ältere Schwester „jie jie“ genannt und die jüngere „mei mei“. Dann weiß man fast immer automatisch wer gemeint ist und in welcher Beziehung die Personen zueinander stehen. Vielleicht kennt ihr es auch, dass wenn ihr z.B. von eurer Oma oder eurem Opa sprecht, euch dann jemand fragt, welche Oma oder welcher Opa genau gemeint ist. Auch für Oma gibt es zwei verschiedene Begriffe im Chinesischen. Einmal „nai nai“, was für die Oma väterlicherseits steht, und einmal „lao lao“, was dann die Mutter der eigenen Mutter ist.]

 

Soweit dazu, auf jeden Fall habe ich von vielen Menschen und auch durch das Fernsehen erfahren, dass das chinesische Bildungssystem ganz anders ist als das deutsche System, was ich bis jetzt kennen gelernt habe. Nicht nur ist es anders, angeblich müssen die Kinder auch viel mehr lernen und viel mehr für die Schule tun als deutsche Kinder. Deswegen wollte ich selbst einmal einen ganz normalen Schultag in einer chinesischen Schule miterleben und die chinesischen Schüler kennen lernen.

 

Letzten Dienstag konnte mein Wunsch endlich in Erfüllung gehen und meine Tante nahm mich für einen Tag mit in ihre Schule. Wir trafen uns um ca. 6:50 Uhr an der nächst gelegenen U-Bahn-Station. Die U-Bahn Fahrt ging ziemlich schnell vorbei und bevor es dann in die Schule ging, hat sie mich noch zu einem typischen Frühstück für Peking eingeladen. Typisch Chinesisch kann man dazu jetzt nicht sagen, da sich die chinesischen Städte heutzutage eigentlich nur noch durch das jeweilige Essen unterscheiden lassen würden. Vom Aussehen her ähneln sich alle chinesischen Großstädte sehr, denn dort leben überall sehr, sehr viele Menschen und es gibt Wolkenkratzer soweit das Auge reicht.

 

Der Unterricht in der Grundschule, in der ich war, fängt um 8:00 Uhr morgens an. Eigentlich würden alle Kinder vorher auf den Schulhof gehen und Morgengymnastik machen, da aber an dem Tag die Kinder aus der 6. Klasse ihre Abschlusstests schrieben, fiel das aus. Vielleicht wäre es auch noch wichtig zu wissen, dass das chinesische Bildungssystem aus drei Stufen besteht bzw. dreigliedrig ist.

Die Grundschule geht von der 1. bis zur 6. Klasse. Nach der 6. Klasse müssen die Kinder einen Abschlusstest absolvieren, je nach Leistung und Punktzahl der einzelnen Kinder, kommen die „guten“ Schüler auf eine Mittelschule, die einen guten Ruf hat, und die „schlechten“ Schüler gehen dann auf eine eher „schlechtere“ Schule. Ab der 7. Klasse ist man dann auf der Mittelschule und diese umfasst die Jahrgänge 7,8 und 9. Danach kann man sich zwischen einer „Berufsschule“, die zwei Jahre dauert und einer „Oberstufe“, welche drei Jahre dauert entscheiden. Die Schüler, die später eine Universität besuchen möchten, müssen nach der Mittelschule noch drei Jahre in die Schule und abschließend an einer zentral gestellten Abschlussprüfung, dem „Gaokao“, teilnehmen.

Alles was die Schüler davor im Unterricht gemacht haben, sprich Unterrichtsbeteiligung, und die vorherigen Prüfungs-/Testergebnisse sind sozusagen umsonst und werden nicht gezählt. Deswegen sind diese zwei Tage, an denen die Abschlussprüfung stattfindet, sehr, sehr wichtig für die Schüler. In Peking und in vielen weiteren Großstädten werden sogar Bauarbeiten während der Prüfungstage gestoppt und der Verkehr stark eingeschränkt.

Wer aber auf einer etwas schlechteren Mittelschule war, kommt meistens auch auf eine nicht so gute weiterführende Schule, was dann bedeutet, dass die Schüler vieles eigenständig lernen müssen und oft auch nicht auf eine sehr gute Universität gehen werden. Natürlich gibt es aber auch immer Ausnahmen.

 

Bevor es für die Kinder in die Grundschule geht, besuchen viele auch noch für ca. 3 Jahre einen Kindergarten. Ein chinesischer Kindergarten ähnelt vom Konzept her aber eher dem einer deutschen Vorschule, da auch schon dort das „Wettbewerbsdenken“, Respekt und Disziplin stark gefördert und gefordert werden. Aber mehr dazu in meinem nächsten Bericht! :)

 

Ich besuchte an dem Tag den Unterricht einer 4. Klasse der Grundschule. Was mich am meisten schockiert hat, war dass die einzelnen Klassen so groß sind. Ich wusste zwar auch schon vorher, dass in einer Klasse sehr viele Schüler sind, aber es ist doch noch etwas ganz anderes, wenn man das selbst sieht und erlebt, als wenn man das nur erzählt bekommen oder im Fernsehen gesehen hat. Der Unterschied ist wirklich gewaltig, ob jetzt nun 43 Kinder auf einen Haufen in einem Klassenraum sitzen oder nur 23.

In jedem Jahrgang der Grundschule gibt es acht Klassen mit jeweils ca. 40-45 Schülern, die alle an Einzeltischen sitzen. Abgesehen von der Anzahl der Schüler, sind auch das Lernpensum und die Erwartungen, die an die Kinder gestellt werden, im Vergleich zu den deutschen Kindern sehr hoch. Außerdem haben die Schüler hier auch alle eine Schuluniform. Diese müssen sie aber nicht jeden Tag in der Woche tragen, sondern nur montags und zu bestimmten Anlässen.

 

Neben der Kleiderordnung müssen die Mädels, wenn sie länger als schulterlanges Haar haben, ihre Haare immer zusammen zu einem oder mehreren Zöpfen binden. Die Jungs haben alle sehr kurze Haare und Schmuck darf in der Schule nicht getragen werden.

Bevor der Unterricht anfing, wurde erst einmal die chinesische Flagge auf dem Schulhof gehisst. Dann wurde durch die Lautsprecher verkündet, wie viele Schüler in jedem Jahrgang zu spät gekommen sind. Die Begrüßung des Lehrers erfolgt ähnlich wie auch bei uns in der Grundschule. Alle Kinder stehen dazu gleichzeitig auf und singen im Kanon, anschließend verbeugen sie sich.

 

In der 1. Stunde hatten die Schüler Chinesischunterricht. Das hat mir am meisten Spaß bereitet und ich konnte auch selbst etwas dazulernen. Mir ist aufgefallen, dass wenn ein Schüler eine Frage vom Lehrer beantwortet oder etwas in der Klasse sagen möchte, dazu aufsteht. Danach hatten sie Mathematikunterricht und ich habe fast nichts verstanden. Nicht weil die Matheaufgaben so schwierig waren, sondern weil ich die ganzen Fachbegriffe und mathematischen Bezeichnungen nicht auf Chinesisch kenne und verstehe. Ich muss aber schon zugegeben, das was die Kinder hier in der 4. Klasse lernen, habe ich erst in der 5. Klasse auf dem Gymnasium gelernt. Kopfrechnen ist hier auch sehr angesagt und oft haben die Kinder nur wenig Zeit um viele Aufgaben zu lösen. Das was sie nicht fertig gemacht haben, müssen sie als Hausaufgaben für den nächsten Tag erledigen.

 

 

Anfangs waren die Schüler noch ziemlich schüchtern und kaum an mir interessiert, aber nach einer Weile war das Eis gebrochen und die Schüler haben viele Fragen über mich, Deutschland und das deutsche Schulsystem gestellt. Viele waren sehr erstaunt über das deutsche Bildungssystem und beneideten die deutschen Kinder, als ich ihnen erzählte, dass die meisten Grundschüler nur bis 12:15 und spätestens bis 13:00 Uhr in der Schule bleiben müssen. Sie wären schon froh, wenn sie um 15:30 Uhr nach Hause gehen könnten, sagte mir ein Viertklässler. Anschließend würden sie wohl noch 1-2 Stunden Hausaufgaben erledigen und viele Schüler haben auch noch Nachhilfe, Musik- oder Tanzunterricht, oder gehen zum Training. Ihr dürft das auch nicht falsch verstehen, es haben nicht die Kinder Nachhilfe, die schlecht in einem Fach sind. Oft haben die Schüler Nachhilfe, die sowieso schon sehr gut in der Schule oder in dem Fach sind. Nachhilfe ist lediglich dazu da, damit sie „noch besser“ werden und vielleicht auch schon den Stoff vom nächsten Schuljahr lernen. Da bleibt wirklich nur noch wenig Freizeit übrig. Als ich dann daraufhin einige Schüler fragte, wann sie denn mal „spielen“ und sich mit ihren Freunden treffen können, meinten sie nur alle traurig „Ich spiele fast nie“ und „meistens sehe ich meine Freunde nur in der Schule oder beim Training“.

 

Ich war wirklich entsetzt darüber, wie wenig Freizeit die Kinder haben und wie streng die Lehrer bereits in der Grundschule sind. Als einer der Schüler etwas falsch gemacht hat, wurde er auf gut Deutsch wirklich „zusammen geschissen“. Die Lehrerin hat ihn richtig fertig gemacht und ihn angeschrien. Dabei durfte sich der kleine Junge nicht von der Stelle rühren und musste ihr trotzdem in die Augen schauen. Hier in China gelten Lehrer wirklich als Respektspersonen, obwohl sie oft sehr streng sind. Trotzdem hören die Schüler meistens mehr auf die Lehrer als auf ihre eigenen Eltern.

 

Mir ist klar geworden, was für eine schöne Kindheit und vor allem Grundschulzeit ich doch hatte, im Vergleich zu diesen chinesischen Kindern. Sie fangen schon jetzt an, sich auf die alles entscheidende Abschlussprüfung „Gaokao“ vorzubereiten. Wer hier in China nämlich nicht studieren geht hat so gut wie keine Chance einen gut bezahlten Job zu finden. Selbst wenn man studiert hat ist es immer noch sehr schwierig, eine feste Arbeitsstelle zu finden, da sich auf eine Stelle über Hunderte von Menschen bewerben. Deshalb ist der Druck auf die Kinder, aber auch auf die Lehrer und Eltern sehr groß.

 

Nach den ersten beiden Stunden war erst einmal Pause. Während der Pause wurden Musik und Gedichte aus den Lautsprechern abgespielt. Zweimal am Tag machen die Kinder eine Massage für sich selbst und „Augengymnastik“, was die Konzentration und Leistungsfähigkeit fördern soll. Bei der Massage schließen alle Schüler ihre Augen und massieren bestimmte Punkte, die eine wichtige Rolle in der chinesischen Medizin und Akupunktur spielen, wie die Ohrläppchen, Schläfe, die Nasenflügel usw. Das finde ich eigentlich gar nicht so schlecht, da sich kein Kind den ganzen Tag konzentrieren und dabei auch noch ruhig sitzen kann.

Nachdem weitere zwei Stunden vergangen waren, kam dann der Sportunterricht. Der Sportunterricht hier ist aber ganz anders als der in Deutschland. Die Schüler stehen mehr wohlgeordnet in Reih und Glied und marschieren auf dem Schulhof, als dass sie richtigen Sportunterricht machen, so wir es kennen mit Geräten oder Bällen. Aus Neugier und Interesse habe ich dann einfach mal mitgemacht.

 

Wir gingen alle zusammen auf den Schulhof wo auch schon zwei Sportlehrer auf uns warteten. Ich stellte mich zu den Kindern und ordnete mich in eine der Reihen von den Mädels ein. Sofort wurde ich angeschnauzt, weil ich beim Sportunterricht Sandalen anstelle von Turnschuhen hatte. Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte, und nickte nur mit dem Kopf. Innerlich habe ich mich aber gefragt, warum ich denn meine Sandalen wechseln sollte, wenn die Schüler noch nicht einmal ihre Anziehsachen wechseln und noch nicht einmal „richtig“ Sport machen.

Daraufhin erklärten einige Schülerinnen der Sportlehrerin, dass ich auch eine Lehrerin sei, also eigentlich nicht zu den Schülern gehöre. Sie meinte dann nur: „Oh ich dachte du wärst auch eine Schülerin, weil du doch so klein und dünn bist...“. Vielleicht sehe ich wirklich etwas jung für mein Alter aus, aber 4. Klasse? Das kann doch wirklich nicht ihr Ernst sein...

Naja es gab aber auch ein paar Lehrer die mich gefragt haben, was ich denn studiert habe. Von daher war es jetzt nicht soo schlimm, dass sie mich für eine Viertklässlerin gehalten hat, obwohl ich ihr Einschätzungsvermögen schon stark in Frage stelle. :D

Hinterher mussten wir dann noch für ca. 5-10 min einfach nur still auf dem Schulhof stehen, mit der prall leuchtenden glühend heißen Sonne über unseren Köpfen bei einer Temperatur von ca. 34 ° C.

Die Kinder, die sich kein bisschen gerührt haben und auch nicht mit ihren Nachbarn gequatscht haben, wurden als aller erstes entlassen und durften sich für eine kurze Zeit im Schatten ausruhen. Währenddessen mussten die anderen hingegen weiterhin stehen bleiben, bis der Lehrer mit ihrem Benehmen und ihrer Körperhaltung zufrieden waren. Anschließend mussten noch einige, die die Sportprüfung beim letzten mal nicht bestanden haben, einen ziemlich schweren Fall ca. 10m weit werfen.

Danach durften wir endlich alle mit verschwitzten Klamotten wieder in den genau so heißen Klassenraum flüchten.

 

Jetzt stand Englischunterricht an, was auch die letzte Schulstunde für die meisten Kinder war. Darauf habe ich mich den ganzen Tag schon gefreut. Endlich mal etwas, wo ich auch mitreden kann und was ich vor allem auch verstehe. :D Aber anders als hier in Deutschland, besteht der Englischunterricht aus 40% auswendig lernen und 40% Wörter und Sätze der Englischlehrerin nachplappern. Die restlichen 20% sind dann Grammatik, Wiederholungen und alles was sonst noch zum Englischunterricht gehört.

Das Ironische dabei ist, dass die meisten Englischlehrer einige Wörter selbst nicht aussprechen können und die Schüler somit von Anfang an eine falsche Aussprache lernen, die sich später auch nur noch schwer verbessern lässt, weil das, was sie gelernt haben, schon so sehr in ihren Köpfen vertieft und verankert ist.

 

Als sich mein Schultag nun langsam dem Ende neigte, fragten mich viele der Schüler und Schülerinnen, ob ich denn morgen wieder kommen würde. Ich konnte ihnen leider nur mitteilen, dass ich wahrscheinlich nie wieder kommen werde/kann. Obwohl ich die Schüler erst seit ein paar Stunden kenne, habe ich sie doch schon alle in mein Herz geschlossen. Der Abschied war schon ziemlich traurig, vor allem weil wir uns vermutlich nie wieder sehen werden. Deshalb wollten viele Kinder meine Unterschrift haben, oder dass ich ihnen irgendetwas male, zur Erinnerung. Viele der Kinder haben mir auch selbst etwas gemalt, gebastelt oder auch geschrieben und dann am Ende des Schultages geschenkt.

Anbei sind noch ein paar Fotos und ein Video von der „Augengymnastik“, wo die Kinder mit ihren Augen den Bewegungen ihrer Hände und Finger folgen müssen.

 

Es war wirklich ein sehr spannender, erlebnisreicher und vor allem interessanter Tag für mich und ich habe viele neue Erfahrungen gesammelt. Ich habe auch viele sehr liebenswerte Kinder kennen gelernt, die ich so leicht nicht vergessen werde. Obwohl sich das chinesische Schulsystem sehr vom deutschen unterscheidet, sind die Kinder doch eigentlich nicht sehr anders. Alle Kinder lieben es zu spielen, Zeit mit ihren Freunden und Klassenkameraden zu verbringen und sind sehr neugierig. Leider haben die chinesischen Kinder verhältnismäßig wenig Freizeit, aber deshalb sollten wir vielleicht unsere eigene Freizeit umso mehr schätzen und umso besser nutzen. Wir sollten wirklich alle froh sein, dass wir nicht auf eine chinesische Schule gehen, und das schätzen was uns in Deutschland ermöglicht wird.

 

Ganz liebe Grüße aus Beijing und vielen Dank an alle, die sich die Mühe gemacht haben bis hier zu lesen.

Eure Yasmin :)

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